Tagesfahrt Speyer, gemeinsam mit Galerieverein

 

1. April 2017

 

Eine Fahrt zu Kunst, Kultur und Geschichte in Speyer

 

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Galerieverein und Museumsfreunde vor der neoromanischen Fassade des Speyerer Doms

Anfang April machten sich der Böblinger Galerieverein und die  Museumsfreunde Böblingen zusammen auf den Weg nach  Speyer. Auslöser war die Entscheidung unserer beiden  Leiterinnen der Zehntscheuer, Frau Wenzel und Frau Steimel,  die 30-jährigen Jubiläen von Städtischer Galerie und  Deutschem  Bauernkriegsmuseum sowie der beiden Vereine mit einer Ausstellung im Herbst ebenfalls gemeinsam zu begehen. Weil vielen Interessierten abgesagt werden musste, wird für 2018 eine Wiederholung der Fahrt in Betracht gezogen.

 

Gleich nach der Ankunft beeindruckte die Führung im mächtigen Kaiserdom, dem größten erhaltenen romanischen Gebäude nördlich der Alpen, in der Krypta zugleich Grablege der Salier. Dass über eine Nebenlinie Beziehungen zum Hause Württemberg bestanden, erfuhr die Böblinger Reisegruppe so ganz nebenbei. Ebenso, unter Hinweis auf entsprechende Reliefs im Dom, dass in Speyer die Brezel erfunden worden sei. Unsere Landsleute in Urach erzählen eine andere Geschichte.

 

Die anschließende Stadtführung verdeutlichte noch einmal die überragende Bedeutung der Stadt im Hochmittelalter. Ein Besuch im Jüdischen Museum - die Mikwe ist vollständig, die Synagoge in Resten erhalten - erinnerte an die einstigen SchUM-Städte, in denen jüdische Gemeinden wenigstens vorübergehend Schutz fanden. Noch im 16. Jh. ist Speyer mit zahlreichen Hof-, Reichs- und Kurfürsten-Tagen fast so etwas wie die Hauptstadt des Reiches. 1526 wurde dort auch der Memminger Vertrag ausgehandelt, der einzige handfeste kleine Erfolg, den die Bauern nach ihren Niederlagen im Jahr zuvor erreichen konnten. 1529 kam es zur Protestation von Speyer, als die lutherischen Fürsten wegen der Rekatholisierungsbestrebungen des Kaisers den Reichstag unter verließen. Wegen dieses richtungsweisenden (und namengebenden) Ereignisses erhielt Speyer 2015 den Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ verliehen.

 

Größere Zerstörungen gab es im 17. und 18. Jahrhundert, nicht jedoch im 1. und 2. Weltkrieg. Heute ist Speyer mit einer Bevölkerung von knapp 50.000 kaum größer als Böblingen. Auch der städtische Etat hat ein vergleichbares Volumen von 150-160 Mio Euro. Die Stadt beherbergt eine Fülle kultureller Einrichtungen: u.a. ein Historisches Museum, ein Technik Museum, das Museum SchPIRA, eine Städt. Galerie im Kulturhof Flachsgasse, das Purrmann Haus, das Feuerbach Haus, dazu verschiedene Gedenkstuben, z.B. für Sophie la Roche, und eine Dauerausstellung über das Reichskammergericht im Altpörtel.

 

Nach dem Mittagessen im historischen Domhof stand das Purrmann-Haus auf dem Programm, denkmalgeschütztes Elternhaus und Geburtshaus von Hans Marsilius Purrmann (1880-1966), ein Zeitgenosse Fritz Steisslingers (1891-1957). Im elterlichen Betrieb erlernte Purrmann zunächst das Malerhandwerk und in den Winterhalbjahren besuchte er außerdem die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe. 1897 ging er an die Akademie der Bildenden Künste in München zu Franz von Stuck; dort traf er u.a. Paul Klee und Wladimir Kandinsky.

 

Galerieverein und Museumsfreunde im Hof des Purrmann-Hauses

1905 begegnete er in Berlin Max Liebermann und Max Slevogt und wurde Mitglied der Berliner Secession, 1906 zog es ihn nach Paris zu Picasso, Cézanne und Renoir; den größten Einfluss auf ihn übte jedoch Henri Matisse aus. Als „Französling“ galt er deshalb nach 1933 als „entartet“. 1935 gelang ihm ein Rückzug in die Villa Romana in Florenz, 1943 die Flucht in die Schweiz nach Castagnola, wo seine Frau Mathilde starb. 1944 ließ er sich in Montagnola nieder. Erst 1950 kehrte er zeitweilig nach Deutschland zurück. Nach seinem Tod 1966 in Basel wurde er in Langenargen beigesetzt.

 

 

Das Purrmann-Haus in Speyer zeigt rund 70 Werke des Malers, Grafikers und Bildhauers sowie Werke seiner ersten Frau, der aus dem Schwäbischen stammenden Malerin Mathilde Vollmoeller-Purrmann. Alles spannende Exponate aus einer künstlerisch höchst produktiven Zeit, die auch Schwerpunkt der Böblinger Sammlungskonzeption ist.

 

Sigrid+Peter Schild 4/17