Ausfahrt Schorndorf

 

24. September 2016

 

Schorndorf: vom „Dorf uff dem Sand“ zur Daimlerstadt

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Die Böblinger Museumsfreundinnen und -freunde staunten nicht schlecht, als sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in das Getümmel des Schorndorfer Marktes eintauchten. Riesig ist er und von einer geradezu südländischen Pracht und Fülle. Das Remstal ist eine mit Obst und Gemüse reich gesegnete Landschaft. Die Größe des Marktplatzes, so erläuterte anschließend die Stadtführung, erklärt sich aus der Tatsache, dass im Mittelalter zwei Ortschaften, das ältere Dorf „Uff dem Sand“ und die jüngere Stadt eine gemeinsame Ummauerung erhielten. Nach dem Niedergang der Staufer hatte sich Württemberg das Gebiet einverleibt und dort eine der sieben Landesfestungen errichtet. Nicht unbedingt zum Vorteil der Einwohnerschaft.

 

Marktbrunnen in Schorndorf

Sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch im Pfälzíschen Erbfolgekrieg war die Stadt umkämpft. 1634 brannte die Stadt infolge der Besetzung durch kaiserliche Truppen fast vollständig nieder. Nach mühsamem Wiederaufbau drohte schon 1688 das nächste Ungemach, als französische Truppen unter Mélac die Übergabe der Stadt forderten. Stuttgart war bereit, Schorndorf zu opfern, um selbst verschont zu bleiben, da geschah das Unerhörte: die „Weiber von Schorndorf“, angeführt von Barbara Künkelin, entschlossen sich während der Verhandlungen zum Sit-in im Rathaus. Die Kapitulation unterblieb, Mélac zog ab.

 

Seither blieben Schorndorf Zerstörungen erspart, auch während und Ende des 2. Weltkriegs. Deshalb haben sich viele Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert bis heute erhalten; der gesamte Stadtkern steht heute unter Denkmalschutz. Die Stadtführung konnte deshalb bei der Auswahl der Sehenswürdigkeiten aus dem Vollen schöpfen: Rathaus, ehemaliges Spital, Palmsche und Gauppsche Apotheke, das Haus der Barbara Künkelin, das Burgschloss und nicht zuletzt das Geburtshaus von Gottlieb Daimler. Den Abschluss bildete die evangelische Stadtkirche mit ihrer einzigartigen Marienkapelle. Um die Stadtkirche befindet sich seit 2014 ein Ensemble von Kunstwerken, das an das berüchtigte „Blutgericht“ erinnert, das Herzog Ulrich 1514 an den Anführern des „Armen Konrad“ vollstrecken ließ. Deshalb wohl hatte Schorndorf am Bauernkrieg von 1525, im Gegensatz zum übrigen Remstal, keinen Anteil.

 

In der „Harmonie“ gutbürgerlich-schwäbisch frisch gestärkt, ging es dann am Nachmittag zur Führung im Stadtmuseum. Schnell wurde deutlich, dass Schorndorf trotz seiner strategischen Lage mit seinen 3.500 Einwohnerinnen und Einwohnern jahrhundertelang ansonsten ohne große Bedeutung war. Das änderte sich rasant ab 1861 mit dem Bau der Remstalbahn; heute hat die Stadt eine Bevölkerung von etwa 30.000. Das Museum bewahrt die Erinnerung an die Kleingewerbe der verschiedensten Art, die in der Gründerzeit aufblühten oder neu entstanden. Beeindruckend das Küferhandwerk oder die Feilenhauerei mit Gerätschaften aus einer Zeit, als jedes Werkzeug noch ein handwerkliches Einzelstück war. Stolzester Besitz des Hauses ist jedoch vermutlich eine umfangreiche Sammlung von Exponaten aus der Württembergischen Porzellanmanufaktur (1904-1934).

 

Die Böblinger Museumsfreunde am Mondscheinbrunnen von Jürgen Goertz vor dem Ostchor der Stadtkirche in Schorndorf

Nicht ohne Grund ist das Stadtmuseum in den Gebäuden der frühere

n Deutschen und Lateinschule untergebracht. Schließlich hat Schorndorf neben Gottlieb Daimler eine Reihe weiterer großer Persönlichkeiten hervorgebracht. Ihm ist ein besonderer Raum gewidmet, ebenso wie Ministerpräsident Reinhold Maier oder der Malerin Ludovike Simanowitz. Plaketten an den Häusern ehren u.a. den französischen Außenminister Karl Friedrich Reinhard, den Rebellen gegen Napoleon Johann Philipp Palm und den württembergischen Finanzminister von Weckherlin, der 1818-27 die Staatsfinanzen sanierte.

 

Nach so viel Input beschlossen die Museumsfreundinnen und -freunde ihre Ausfahrt in den Cafés auf dem Marktplatz, der nun, vom Marktgeschehen geräumt, seine ganze Fachwerkpracht entfalten konnte. Man war sich einig: Schorndorf ist immer wieder eine Reise wert.

 

Sigrid+Peter Schild