Matinee zum Ersten Weltkrieg „Als in Europa die Lichter ausgingen“

13. Juli:

Mit Trommelwirbel und Böllerschüssen in den Tod

Matinee der Böblinger Museumsfreunde zum Ersten Weltkrieg

 

Lebhaftes Besucherinteresse fand die Matinee zum Ersten Weltkrieg, zu der die Böblinger Museumsfreunde in die Zehntscheuer eingeladen hatten. Unter dem Titel „Als in Europa die Lichter ausgingen“ ließen Dr. Günter Scholz und Dieter E. Hülle Zeitzeugen der Menschheitskatastrophe von 1914 zu Wort kommen. Mit ihrer gemeinsamen Lesung setzten die ehemaligen Kulturamtsleiter von Böblingen und Sindelfingen zugleich ein Zeichen für die Zusammenarbeit der beiden Städte.

 

Der erste Teil der Matinee zeigte, wie Dichter und Intellektuelle den Krieg sahen. Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Ernst Jünger bejubelten ihn. Entschiedene Gegner waren Hermann Hesse, Stefan Zweig, Carl Zuckmayer, Romain Rolland und Albert Einstein. Vor allem sie kamen zu Wort.

 

Durch den Einsatz von Giftgas und „modernster Technik“ wie Tanks und Flugzeugen wurde der Erste Weltkrieg zu einem Waffenkampf von bislang nicht gekannter Grausamkeit - erschüttert hörten die Teilnehmer Passagen aus dem Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, der zum Welterfolg wurde.

 

Nicht nur über den Krieg an den Fronten, sondern auch über seine Auswirkungen in der Heimat berichteten die beiden Referenten. Zeitzeuge für Sindelfingen war Schultheiß Wilhelm Hörmann. In seiner Stadtchronik vermerkte er am 31. Juli 1914: „Der Kaiser hat den Kriegszustand erklärt, was abends 6 Uhr mit Trommelwirbel und Trompetenschall ausgerufen wurde.“ Schon am 22. August 1914 dämpfte die Trauernachricht über das erste Kriegsopfer aus Sindelfingen die anfängliche Euphorie. Einschneidende Folgen hatte der Krieg für die Zivilbevölkerung: der Autobusverkehr zwischen Sindelfingen und dem Bahnhof Böblingen musste eingestellt werden, da der Bus für Kriegszwecke requiriert wurde. Ende 1914 wurden die Lebensmittel rationiert und Brotkarten eingeführt.

 

Chronist über die Kriegsjahre in Böblingen war Rektor Georg Wacker. Über die Eröffnung des  Böblinger Militärflughafens am 16. August 1915 berichtete er begeistert: „Unter Glockengeläut und Böllerschüssen umkreist ein Flieger dreimal die Stadt und wirft aus der Luft auf die große Zuschauermenge den folgenden Gruß herab, der auf dem Plattenbühl niederfällt: der gastfreundlichen Stadt Böblingen entbietet die Fliegerersatzabteilung 10 ihren ehrerbietigsten Gruß. Böblingen war Garnisonsstadt geworden. Doch der neue Flugplatz brachte Tod und Verderben. Fliegerabteilungen wurden für die Kämpfe an der Front zusammengestellt. Immer wieder gab es bei den Übungsflügen Unglücksfälle. 1918 notierte Wacker ernüchtert: „Die Abstürze mehren sich leider in ganz erschreckender Weise … Am 16. August lagen nicht weniger als sieben Leichen verunglückter Führer und Beobachter in der Leichenhalle … Das Schrecklichste scheint uns der Absturz über dem Wald zu sein, wenn das Flugzeug mit den angeschnallten Insassen im Geäst der Tannen hängen bleibt.“

 

Abgerundet wurde der Vormittag in der Zehntscheuer mit einigen Streiflichtern, wie Künstlerinnen und Künstler den Krieg wahrnahmen, u.a. Otto Dix, Max Beckmann und der Böblinger Maler Fritz Steisslinger. Käthe Kollwitz schrieb nach dem Krieg in ihr Tagebuch: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.“ Sie schuf die Holzschnittfolge „Krieg“ und die Figurengruppe „Trauerndes Elternpaar“ auf dem Soldatenfriedhof Vladslo in Belgien, die sie ihrem 1914 früh gefallenen Sohn Peter widmete.