Statement zur Museumskonferenz vom 15. 7. 2019

von Dr. Günter Scholz, Vorsitzender Museumsfreunde Böblingen e.V.

 

Die Museumsfreunde Böblingen lehnen die Schlussfolgerungen des Gutachtens Knubben/ Demirag zum Deutschen Bauernkriegsmuseum und zur Städtischen Galerie entschieden ab.

 

Zunächst zur Galerie – die Museumsfreunde sind auch Galeriefreunde: Für die Gutachter ist die Böblinger Zehntscheuer der am besten geeignete Ort für eine Galerie. Offensichtlich wissen sie nicht, wie eine moderne Galerie von heute aussieht. Dabei gibt es schon in der Nähe ein gutes Beispiel, das Schauwerk in Sindelfingen. Galerien von heute zeichnen sich aus durch

 

  • Gut geschnittene hohe Räume für die Präsentation von Skulpturen und Installationen
  • Lange, flexible Wandflächen
  • Beste Lichtverhältnisse (Tages- und Kunstlicht)
  • Optimales Raumklima (Temperatur und Luftfeuchtigkeit)

Alles das bietet die Zehntscheuer nicht. Sie ist eng strukturiert und verwinkelt. Der Fahrstuhl ist zu klein ausgelegt. Eine großzügige Präsentation von Kunst, vor allem auch, wie die Gutachter vorschlagen, für neue Ausstellungsformate oder eine Öffnung der Galerie für junge Positionen der Gegenwartskunst( S.74), ist nicht möglich.

 

Die Städtische Galerie braucht stattdessen eine neue Heimat in einem zeitgemäß und architektonisch spannend gestalteten Gebäude mit modernen Präsentationsmöglichkeiten. Dafür setzen sich die Museumsfreunde nachdrücklich ein.

Im Übrigen lassen die Ausführungen der Gutachter zur Galerie Zweifel an ihrer Fachkompetenz aufkommen.

Deutsches Bauernkriegsmuseum Böblingen:

Es wurde vom Gemeinderat einstimmig beschlossen und 1988 als erstes Museum zum Deutschen Bauernkrieg in der alten Bundesrepublik eröffnet. In der DDR gab es bereits mehrere „Gedenkstätten“. 1989 wurde in Bad Frankenhausen/ Thüringen das monumentale Panoramabild des Malers Werner Tübke eingeweiht. Das neue Böblinger Museum fand ein bundesweites, durchweg positives Echo. Das Bauernkriegsmuseum besteht jetzt seit über 30 Jahren. Das Jubiläum wurde 2018 festlich begangen.

 

Wahr ist: im Museum hat sich in dieser Zeit leider wenig verändert. Da muss man sich wundern, dass es trotzdem noch viele Besucher aus nah und fern anzieht. Dass es in Jahren keine Weiterentwicklung gegeben hat, ist ein sträfliches Versäumnis der Stadt Böblingen als Museumsträger. Auch eine konsequente Anschaffungspolitik wurde nicht mehr verfolgt.

 

Die Konzeption des Bauernkriegsmuseums wurde bis heute nur in Teilen verwirklicht, nicht dokumentiert werden z.B. die Nachwirkungen der Revolution von 1525. Das Museum ist stiefmütterlich und beengt im UG der Zehntscheuer untergebracht, ein typisches „Kellerkind“. Dabei steht es im Ranking der Beliebtheit in Böblingen an erster Stelle, wie die Bürgerbefragung von 2017 zeigt.

 

Zurück zum Gutachten: Mit dem Thema Bauernkrieg fangen die Verfasser kaum etwas an (S. 72 f) Dass es sich (abgesehen von 1989) um die „größte Massenerhebung der deutschen Geschichte“ handelt (Günther Franz), ist ihnen entgangen. Zwischen Böblingen und Sindelfingen stand 1525 ein gewaltiges Bauernheer von 15 000 Mann. Beide Städte zusammen zählten gerade einmal 1000 Einwohner. In der blutigen Schlacht vom 12. Mai 1525 verloren über 3000 Aufständische ihr Leben. Insgesamt forderte der Bauernkrieg ca. 100 000 Todesopfer.

 

Das Museum wird im Gutachten schlecht geredet, S. 102: „Das Bauernkriegsmuseum reiht sich ein in 273 Heimat- und volkskundliche Museen der Region, die kaum überörtliche Präsenz entwickeln“. Dagegen spricht das internationale Besucher- und Medienecho eine ganz andere Sprache! Das Urteil der Gutachter ist einseitig und befangen. Der Galerie bescheinigen sie ein Alleinstellungsmerkmal, dem Bauernkriegsmuseum verweigern sie dies. Dabei wird das Museum von der Stadt Böblingen und den Medien bis dato als „Leuchtturm“ gerühmt. Ein weiterer Ausbau wurde von der Stadtspitze versprochen.

Noch eine Anmerkung zur Konzeption des Bauernkriegsmuseums aus den 80er Jahren. Gar so unbedarft, wie die Gutachter meinen, waren die Museums-macher nicht. Das bis heute entscheidend Neue ist: der Bauernkrieg war ein Kampf mit den blanken Waffen. Er war aber auch ein Kampf mit dem damals neuen Medium des Buchdrucks, mit Flugblättern und Flugschriften. Eine Medienschlacht, wie es sie vor der Reformation noch nie gegeben hatte. Thematisiert im Museum wird das durch das Gegenüber von Waffen und Rüstungen einerseits und der Druckerpresse andererseits. Jetzt soll ein ahnungsloser Repräsentant der Stadt Böblingen gesagt haben: „Die Druckerpresse gehört raus!“.

Zugegeben: Wie Fleischermuseum und Galerie ist auch das Bauernkriegs-museum in die Jahre gekommen. Im Museumswesen hat sich manches verändert. So kann man sich heute lange Wandtexte durch Einsatz der neuen Medien ersparen. Im Unterschied zu damals haben Museen heute Event-Charakter, um Besucherinteresse zu wecken. Eine Runderneuerung des Bauernkriegsmuseum ist deshalb nötig. Der Galerie und dem Fleischermuseum billigt man es zu, dem Bauernkriegsmuseum nicht. Kategorisch heißt es: „Die Möglichkeiten hierfür sind in der Zehntscheuer nicht mehr adäquat gegeben“ (Gutachten Teil 2, S. 7). Eine Begründung bleiben die Gutachter schuldig, das zeigt Voreingenommenheit.

Und dann: Man höre und staune, schlagen die Gutachter vor, das Museum zu schließen und die wertvollen Exponate wie Möbel einzulagern. Nach etlichen Jahren soll es dann 2025 eine „Auferstehung“ in nicht näher definierter Weise geben. Das Ganze ist unrealistisch und mutet wie eine Böblinger Provinzposse an. Denn: was einmal zu ist, ist zu! Mit einer Schließung spielt man der rechten Szene in die Hände.

Die Gutachter sehen nur Schwächen, aber keine Stärken des Bauernkriegs-museums. Zu den Stärken zählen die Sonderausstellungen. Sie waren von Anfang an fester Teil der Museumskonzeption. In den besten Zeiten gab es 2-3 zusätzliche Ausstellungen im Jahr. Die Museumsmacher wussten, dass der Fundus an originalen Exponaten am Ort begrenzt ist. Sie wurden deshalb ergänzt durch hochwertige Leihgaben auf Zeit aus anderen international renommierten Museen z.B. in Prag, Brüssel, Wien der Schweiz und Frankreich. Das damals aufgebaute Netzwerk wurde nach 2007 von der Stadt Böblingen gekappt.

Zu den Stärken des Museums gehört auch der Bestand an seltenen Frühdrucken. Einzigartig ist die Kunstsammlung zum Deutschen Bauernkrieg mit mehr als 250 Werken, von Käthe Kollwitz, HAP Grieshaber, Werner Tübke, Bernhard Heisig und Künstlern der Region, wie Gérard Krimmel. Das zeigt: Der Bauernkrieg ist Geschichte, die man nicht einfach in den Archiven ablegt, sondern die jede Generation aufs Neue zur Stellungnahme und Auseinander-setzung herausfordert. Von den Gutachtern wird die Kunstsammlung mit ganzen zwei Zeilen erwähnt (S. 14). Sie verschweigen auch, dass die Schätze aus Raumnot nicht im Museum präsentiert werden können, sondern im Depot schlummern müssen.

Im Gutachten wird auch die Museumspädagogik übergangen, mit Führungen und Aktionen für Schulklassen und Jugendgruppen, Familiennachmittagen und Matineen. Letztere werden regelmäßig von den Museumsfreunden angeboten.

 

Das Deutsche Bauernkriegsmuseum besitzt ein hohes Entwicklungspotential für die Zukunft. Die Museumsfreunde schlagen vor, das Museum thematisch zu erweitern und zu vertiefen: Vom Freiheitskampf 1525 ausgehend zu einem Museum der Geschichte von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Die Revolutionen von 1789, 1848 und 1918 waren Etappen auf dem langen Weg der Deutschen zu Recht und Freiheit, bis hin zum Grundgesetz von 1949. Besonders stark war der Freiheitskampf in den historischen Regionen von Baden-Württemberg.

 

Zur Verbindung des Deutschen Bauernkriegs von 1525 mit der Französischen Revolution von 1789 hat das Böblinger Museum bereits 1997 eine viel beachtete Sonderausstellung mit Partnern in Frankreich gezeigt. Dieser Ansatz kann künftig zu einem langfristigen deutsch-französischen Kooperationsprojekt ausgebaut werden. Auch für den Bauernkrieg gilt nicht mehr: „Männer machen Geschichte“, sondern auch Frauen. Die Rolle der Frau ist deshalb zu beleuchten.

 

Das Thema von Freiheit und Unterdrückung ist in vielen Teilen der Welt von brennender Aktualität, in Syrien, Iran, Afrika, Hongkong und anderswo. Dies wird z.B. im Immigration Museum in Melbourne/ Australien mit aktuellen Filmsequenzen für junge Besucher hautnah dokumentiert. Auch in der Böblinger Zehntscheuer könnte ein „Forum Freiheit aktuell“ seinen Platz finden.

 

Für das Deutsche Bauernkriegsmuseum und seine Ausweitung zum „Freiheitsmuseum“ ist die Böblinger Zehntscheuer der historisch richtige Ort. Als steinernes Zeugnis für die Abgabenlast der kleinen Leute ist das Gebäude selbst Exponat. Darüber hinaus hat die Zehntscheuer Bezüge zu anderen Themen der Böblinger Stadtgeschichte, z.B. zur Herrschaft der Fürstlichen Witwen auf dem Böblinger Schloss. Im Bereich der Zehntscheuer lag mit dem Laboratorium des Apothekers Bonz die Wiege der Böblinger Industrie. Später war die Zehntscheuer Gewerbeschule. Somit fokussiert sich in der Zehntscheuer Böblinger Stadtgeschichte. Für die Gutachter zählt das nicht. Geschichte und Stadtgeschichte haben für sie nur geringen Stellenwert. Bei der Vorstellung des Gutachtens am 12. April kommentierten sie: Bei der Sanierung in den 80er Jahren sei bei der Zehntscheuer kein Stein auf dem anderen geblieben. Nichts sei echt! Ich stellte damals die Gegenfrage: Was ist denn in Böblingen echt, das Vogtshaus (Fleischermuseum) wohl ebenfalls nicht! Aber es sind für die Menschen unserer Stadt, deren historische Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg ausgelöscht wurde, Symbole der Vergangenheit, die Identität stiften. Zum Schluss noch etwas zur „Vision 2025“ der Gutachter. Ihre „Biennale“ mit einer Re-Inszenierung der Böblinger Bauernschlacht wirkt peinlich, erinnert an die Kriegsspiele von Veteranen. Vielleicht sollten sie lieber an die Bauernoper von Karsunke denken. Sie sprechen für 2025 vage von einer „Wiedergeburt“ des Bauernkriegs in einer großen Sonderausstellung. Dass es dazu Räume mit Museumsqualität bräuchte, verschweigen sie dem Leser.

 

Unsere Vision für 2025: Aus dem Bauernkriegsmuseum ist in der Zehntscheuer ein „Leuchtturm der Freiheit“ geworden. Attraktiv vor allem auch für die junge Generation, für Migranten und Zuwanderer. Für Besucher aus Böblingen, der Region und dem ganzen Land.