Tagesausflug nach Waiblingen

By 24 September, 2025Dezember 5th, 2025Exkursion

Waiblingen wurde im Dreißigjährigen Krieg schwer zerstört. Am 5. September 1634, nach der Schlacht bei Nördlingen, setzten kaiserliche Truppen die Stadt in Brand. Fast ganz Waiblingen wurde dabei zerstört – darunter viele Fachwerkhäuser, die Stadtmauer und andere bedeutende Gebäude. Nur wenige Bauten wie der Hochwachtturm blieben erhalten.
Nach dem verheerenden Brand begann der mühsame Wiederaufbau Waiblingens. Dabei wurde ein besonderer Weg eingeschlagen: Fachwerkhäuser aus umliegenden Dörfern wurden abgetragen und in Waiblingen wieder aufgebaut. So entstanden Straßenzüge, in denen sich heute Fachwerkhäuser aus verschiedenen Epochen und Regionen befinden. Dadurch erhielt die Altstadt ihren einzigartigen und charmanten Charakter, der bis heute sichtbar ist.
Die Fachwerkhäuser in Waiblingen zeichnen sich durch ihre kunstvolle Holzbauweise aus. Viele der Häuser stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert und wurden nach dem Brand sorgfältig rekonstruiert oder umgesetzt. Einige Gebäude zeigen typische Neidköpfe – skurrile oder furchterregende Gesichter, die Neid und böse Geister abwehren sollten.

Diese Neidköpfe oder „Neidfratzen“ sind in das Fachwerk integriert oder befinden sich an den Dachrändern. Sie dienten dazu, Wohlstand vor neidischen Blicken zu schützen – ein Aberglaube, der im Mittelalter weit verbreitet war. In Waiblingen lassen sich viele solcher Fratzen an alten Gebäuden entdecken.
Der Hochwachtturm ist eines der wenigen Gebäude, die den Stadtbrand von 1634 überstanden haben. Er diente ursprünglich als Wachturm und Teil der Stadtbefestigung. Von hier aus konnten Wächter frühzeitig Brände, feindliche Truppen oder andere Gefahren erkennen. Heute ist der Turm ein Wahrzeichen der Stadt.
Auch Teile der alten Stadtmauer sind noch erhalten und vermitteln einen Eindruck davon, wie die mittelalterliche Stadt befestigt war. Ursprünglich schützte die Mauer mit ihren 15 Türmen und 3 Stadttoren die Einwohner vor Angriffen. Der Beinsteiner Torturm ist noch erhalten, die anderen beiden Tore wurden im 19. Jahrhundert abgebrochen.

Waiblingen war früher ein Zentrum des Gerberhandwerks. Entlang des Flusses Rems siedelten sich Gerber an, die Tierhäute zu Leder verarbeiteten. Die Nähe zum Wasser war wichtig, da große Mengen Wasser für das Gerben benötigt wurden. Die alten Gerberhäuser, die im Mittelalter außerhalb der Stadtmauer waren, sind heute noch in Teilen der Altstadt zu sehen, und zeugen von der einst wirtschaftlichen Bedeutung des Handwerks.
Waiblingen ist ein Beispiel dafür, wie eine Stadt nach schwerer Zerstörung wieder aufgebaut und ihre Geschichte bewahrt wurde. Die liebevoll restaurierten Fachwerkhäuser, die Neidköpfe, der Hochwachtturm, die Stadtmauer und das Erbe der Gerber erzählen Geschichten aus einer bewegten Vergangenheit.

Gudrun Eberhard