
Und in der Tat war es eine vergnügliche Ausfahrt, zu der wir uns ins geschichtsträchtige Remstal-Städtchen aufmachten. Auch der Regen hatte sich inzwischen verzogen, als wir an der Schorndorfer Stadtkirche eintrafen. Deren Größe überrascht ja ebenso wie ihre Ausstattung etwa mit der „Wurzel Jesse“, dem weithin einmaligen Kreuzrippengewölbe der Marienkapelle, oder dem expressiven Kirchenfenster von Ada Isensee („Jedermann“/Mose am brennenden Dornbusch) von 2006. Eindrücklich auch die an der Südseite aufgestellten Skulpturen für die 10 Remstäler Anführer des Bauernaufstands „Armer Konrad“. Die Aufrührer wurden, wie etwa Jacob Dautel aus Schlechtbach, 1514 in Schorndorf enthauptet und mit den abgeschlagenen Köpfen zu ihren Füßen auf dem Kirchhof bestattet.
Nach dem Mittagessen im Restaurant „Courage“ ging’s weiter auf den Frauenstadtrundgang, während dem wir einige couragierte Schorndorferinnen vorgestellt bekamen. So etwa die Schriftstellerin Caroline Paulus, deren Erstlingsroman kein Geringerer als Goethe selbst einstens anerkennend rezensierte. Oder auch Rosa Kamm, Sozialdemokratin mit Herz und Hirn für die Belange der kleinen Leute und Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung Württemberg-Badens von 1946. Oder Dr. Ilse Beisswanger, 1929 zur ersten württembergischen Amtsrichterin berufen, die noch 1964 als Landgerichtsdirektorin amtierte. Sie und viele weitere Frauen haben die Tradition fortgeführt, die einst von Barbara Künkelin und ihren Mitstreiterinnen 1688 begründet wurde, indem sie die Übergabe der Stadt an französische Truppen unter dem General und Mordbrenner Mèlac verhinderten.
In der Confiserie Schreyer, wo wir uns zur Kaffeerunde einfanden, gesellte sich als Überraschungsgast Lea Wegner zu uns, um uns anschließend mit den Hintergründen der ehemaligen Festungsstadt Schorndorf als einer der einst 7 württembergischen Landesfestungen vertraut zu machen. Ihr wie gewohnt sachkundiger und engagierter Vortrag vor den noch vorhandenen steinernen Resten der einstigen Festungsanlagen brachte Erstaunliches ans Licht. So etwa die gewaltigen Ausmaße der Wälle und Gräben, die man sich heute kaum noch vorstellen kann, aber auch die ungeheuren Mengen an Finanzmitteln und Personal für deren Errichtung und Instandhaltung. Und nicht zuletzt die rasche Überholtheit der jeweils gewählten Festungskonzepte, die sich aufgrund der stetigen Weiterentwicklung der Rüstungstechnologien als untauglich erwiesen und daher aufgegeben werden mussten. Daraus ließen sich selbst für heutige verteidigungs- und rüstungspolitische Fragestellungen wichtige Erkenntnisse ziehen.
Gegen Abend gingen wir auf schwer gewordenen Beinen, doch reich an neu gewonnenen Einblicken zurück zum Schorndorfer Bahnhof, um von dort mit fast pünktlich verkehrenden Bahnen zur (Gott Lob!) glücklichen Rückkehr in unsere heimatlichen Gefilde müde, aber vergnügt aufzubrechen.
Martin Frey



