
„Es steckte hinter dem Namen Blaubeuren ein Reiz und Geheimnis, eine Flut von Anklängen, Erinnerungen und Lockungen. Blaubeuren, das war erstens ein liebes, altes, schwäbisches Landstädtchen und war der Sitz einer schwäbischen Klosterschule, wie ich selbst als Knabe eine besucht hatte. Ferner gab es in Blaubeuren und in eben jenem Kloster berühmte und kostbare Sachen zu sehen, namentlich einen gotischen Altar. Diese kunsthistorischen Argumente allerdings hätten mich schwerlich in Bewegung gesetzt. Aber da klang in dem Komplex Blaubeuren noch etwas anderes mit, etwas, das zugleich schwäbisch, poetisch und für mich von außerordentlichem Reize war: Bei Blaubeuren lag das berühmte Klötzle Blei, und in Blaubeuren im Blautopf hatte einst die schöne Lau gewohnt……“ ( Hermann Hesse aus: Die Nürnberger Reise,1927)
Am „Klötzle Blei“ bzw. dem Metzgerfelsen, eigentlich ein Schwammriff des früheren Jurameeres, haben wir im engen Städtle mit dem Bus leider nicht vorbeifahren können, aber manch einer kennt bestimmt den Zungenbrecher: s´leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura glei, glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei, der die „schöne Lau“ zum Lachen brachte, wie Mörike im „Stuttgarter Hutzelmännlein“ erzählt hat. Auch die „schöne Lau“ haben wir natürlich nicht gesehen, gehört sie doch ins Reich der Fantasie, die Mörike als Nixe „zu unterst auf den Grund des Blautopfs“ verbannte, bis sie fünf Mal herzlich gelacht hat.
Gesehen haben wir aber tatsächlich auf den Grund des Blautopfs: Schon vor der geplanten Zeit in Blaubeuren angekommen, erhielten wir als kleines Extra im Urgeschichtlichen Museum die Gelegenheit, einen Kurzfilm über das „Reich der schönen Lau“ zu sehen, insgesamt ein rund 12,6 km langes Höhlensystem des Blautopfs mit beeindruckenden Aufnahmen von Tropfsteinhöhlen und Canyons. „Das Regenwasser versickert auf der klüftigen Albhochfläche und bildet in Höhlen unterirdische Wasserläufe “ (Blaubeuren, Stadtverführer, S. 5). Das Wasser der Karstquelle des Flusses Blau steigt in 21 Meter Tiefe auf. Die tiefste Stelle der Blauhöhle liegt 43 Meter unter dem Wasserspiegel.
Anschließend erkundeten wir in zwei Gruppen die malerisch von Felsen umgebene mittelalterliche Altstadt mit Kloster und Blautopf sowie das Urgeschichtliche Museum.
Stadtgründer von Blaubeuren sind die Pfalzgrafen von Tübingen.1267 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung der Stadt. Märkte, Ansiedlung von Handwerkern und Dienstadeligen, Herbergen, Gewerbeansiedlungen, Mühlen, Leinwandproduktion- und -handel, schließlich die Zementindustrie sowie Anschluss an das Eisenbahnnetz führten zur stetigen Erweiterung der Stadt. Bis 1938 war Blaubeuren auch Amts- und Oberamtsstadt. Heute hat die Stadt durch Eingemeindungen ca. 12 000 Einwohner.
Die gesamte mittelalterliche Altstadt, die keine Zerstörungen durch große Feuer oder Krieg erfuhr, steht unter Denkmalschutz und ist liebevoll saniert und herausgeputzt. An einigen Stellen sieht man noch Reste der alten Stadtmauer.
Hervorzuheben sind die gotische evangelische Stadtkirche auf dem Kirchplatz, das Rathaus und der Marktbrunnen und insbesondere das Gerberviertel mit Fachwerkensembles, v.a. mit dem Hohen Wil, einem mit einem steilen Dach versehenen Gerberhaus ( ca.1400 erbaut, 1625 umgebaut), das nicht nur das höchste, sondern auch das schönste Fachwerkhaus von Blaubeuren ist. Gerberhäuser sind an Holzbalkonen zu erkennen, da dort die Tierhäute getrocknet wurden.
Das Kloster liegt in einem großzügigen Klosterhof mit dem Johannesbrunnen in der Mitte, Im sog. Badhaus der Mönche, auf das wir einen Blick werfen konnten, kann man die Badeanlagen des Klosters besichtigen. Außerdem ist dort das Heimatmuseum untergebracht. Auch die Schubartstube im Klosteramt wäre einen Besuch wert. (Dort sieht man auch Illustrationen zu Mörikes „Historie von der schönen Lau“ und anderes mehr.) Im ehemaligen Benediktinerkloster kommt man über den Kreuzgang zum berühmten Hochaltar im sog. Mönchs-Chor, zählt er doch zu den bedeutendsten Kunstwerken der Gotik in Deutschland (geschaffen von 5 Meistern aus Ulm).
Bereits vor dem Jahr 1000 gab es eine erste Johanneskapelle am Blautopf. Die Klosterstiftung erfolgte dann 1085 von den Pfalzgrafen von Tübingen sowie dem Grafen von Ruck. Hirsauer Benediktinermönche errichteten zunächst ein romanisches Kloster. Erneuert wurde die Klosteranlage zwischen 1466 und 1510. Nach der Reformation verließen die Mönche das Kloster. Seitdem wird die Anlage als evangelische Schule genutzt. ( ev. Seminar).
Beim Hochaltar, geweiht 1493, handelt es sich um einen sog. Wandelaltar mit drei Ansichten. Im Mittelpunkt der Festtagsansicht steht Maria mit dem Jesuskind, links daneben Johannes der Täufer und Benedikt von Nursia. Rechts Johannes der Evangelist und die Ordensgründerin Scholastika (Benediktinerinnen). Auf den Seitenflügeln ist die Weihnachtsgeschichte zu sehen, wobei die Geburt Christi vor einer Blaubeurer Landschaft dargestellt ist. Im Altarsockel sieht man Jesus und seine Jünger. Wird die Festtagsseite geschlossen, erscheinen Bilder, die das Leben des Klosterpatrons Johannes des Täufers darstellen. Die komplett geschlossene Version zeigt die Passion Christi.
Besonders schön ist auch das geschnitzte Chorgestühl, ebenfalls geschaffen von der sog. Ulmer Schule (Jörg Syrlin der Jüngere). In unmittelbarer Nähe des Klosters befindet sich der Blautopf.
Obwohl dort bekanntlich eine Großbaustelle herrscht und ein barrierefreier Zugang in Folge eines Erdrutsches immer noch nicht gegeben ist, ließen wir uns es uns nicht nehmen, etliche Stufen hinaufzusteigen, um das wunderbare „Blau“ zu sehen. Diese Blaufärbung entsteht durch Lichteinstrahlung und kann sich von Tiefblau zu Grün ändern. Das Idyll am Blautopf und die Spiegelung der Klosterkirche sowie das Mühlrad bei der Hammerschmiede fehlten, aber der Blautopf war wirklich wunderbar blau!
Das Urgeschichtliche Museum (URMU) befindet sich im ehemaligen Heilig-Geist-Spital am Kirchplatz (1424 gestiftet). Dort besichtigten wir zunächst die mittelalterliche Hauskapelle mit Altar und Fresken. Das 1mal 1 der Steinzeit wurde uns sodann in den Museumsräumen im Erdgeschoss sowie durch die sensationellen originalen Exponate im Obergeschoss vermittelt.
Das URMU verdeutlicht sehr anschaulich die Lebensumstände in der letzten Eiszeit, welche vor etwa 115.000 Jahren begann und vor etwa 12.000 Jahren endete. Vor ca. 42 000 Jahren wanderten nach den Neandertalern anatomisch moderne Menschen (homo sapiens) in das Gebiet um Blaubeuren ein, denn eine der wenigen eisfreien Regionen war die Schwäbische Alb.
Sie schufen im ehemaligen Tal der Urdonau, heute genutzt von Aach und Blau, „die älteste(n) figürliche Kunst der Welt in der Zeit der Aurignacien, einer Epoche der jüngeren Altsteinzeit vor 42 000 -30 000 Jahren, darunter die älteste Menschenabbildung, die Venus vom Hohle Fels, die ältesten Musikinstrumente, älteste Malereien auf Steinen, Schmuck, Werkzeuge und Waffen…“.
( Blaubeuren, Stadtverführer S. 21) Die archäologischen Fundstellen, Höhlen im Aachtal bei Schelklingen nahe Blaubeuren, gehören zum Weltkulturerbe ( Geißenklösterle, Sirgenstein und Hohle Fels). Ganz aktuell konnten wir auch die jüngsten Funde aus dem Hohle Fels bestaunen: ca. 40 000 Jahre alte winzige geschnitzte Vogelfiguren. Erneut schaue „die ganze Welt hierher“, so der Forschungsleiter Nichols Conrad von der Universität Tübingen, zit. in der Kreiszeitung Böblingen vom 30.7.2026.
Mit vielen intensiven Eindrücken, zwischendurch kulinarisch gestärkt bei Mittagessen im Hotel-Gasthof Ochsen in Berghülen, Kaffee und Kuchen oder Eis im Café Kuhn in Blaubeuren- es war 35 Grad heiß!!!- traten wir die Heimreise an und kamen wie geplant um 19.00 Uhr wieder in Böblingen an.
Gabriele Imhof-Bartak










