Chronologie der Museumskonzeption in Böblingen

Böblingen verfügt mit dem Deutschen Bauernkriegsmuseum, der Städtischen Galerie und dem Deutschen Fleischermuseum über ein reichhaltiges museales Angebot.
Gemeinderat, Stadtverwaltung und Bürger wollen strukturelle Engpässe beseitigen und die Museen für die Zukunft und ein gewandeltes gesellschaftliches Umfeld neu positionieren. Gemeinderat und Verwaltung haben daher beschlossen, die Zukunft der Böblinger Museen im Rahmen einer Museumskonzeption neu zu gestalten.

Mit diesem Link kommen Sie zur eigenen Internetseite von Böblingen. museumskonzeption.boeblingen.de.

Aktueller Stand

Gemeinderats-Sitzung vom 18.11.2020

Der Gemeinderat hat beschlossen, eine Machbarkeitsstudie für ein StadtForum und eine Machbarkeitsstudie bezüglich des Projekts Untere Gasse erarbeiten zu lassen. Für diese Machbarkeitsstudie ist externe Expertise im Hinblick auf die architektonische Gestaltung notwendig sowie eine Zusammenarbeit des Amtes für Kultur mit dem Amt für Stadtentwicklung und Städtebau. Für die Kosten wurden 50.000 € in den Haushaltsplan eingestellt.
Für die Erstellung der einzelnen Machbarkeitsstudien wird längstens mit einem Jahr gerechnet. Sie werden nach ihrer jeweiligen Fertigstellung dem Gemeinderat zur Entscheidung im Hinblick auf die konkrete Umsetzung vorgelegt. Danach soll eine Bürgerbeteiligung stattfinden, die sich insbesondere auf die Frage der konkreten Ausgestaltung der Unteren Gasse bezieht. Hier sollen auch speziell die Fördervereine mit einbezogen werden.

Sitzung des Verwaltungs- und Kulturausschusses vom 10.11.2020

Der Verwaltungs- und Kulturausschuss hat verschiedene Szenarien und Konzepte erörtert:
Konzept für ein StadtForum
Anfang der 1980er Jahre hat sich Böblingen bewusst gegen ein stadtgeschichtliches Museum und für das Bauernkriegsmuseum entschieden. Gleichwohl blieb das Interesse an der Präsentation stadtgeschichtlicher Themen bestehen, weswegen die Leitungen des Bauernkriegsmuseums entsprechende Sonderausstellungen in den Räumen der Zehntscheuer durchführten.
Mit der Idee eines StadtForums möchte die Verwaltung das Thema „Stadtgeschichte“ neu interpretieren. Die Idee dabei ist, dass das StadtForum – anders als ein klassisches stadtgeschichtliches Museum – nicht allein retrospektiv die Geschichte der Stadt in den Blick nimmt sondern auch die Gegenwart und die Zukunft und dies an bestimmte, immer wieder neu gewählte Themenstellungen knüpft.
Das StadtForum ließe aber auch Raum für größere historische Präsentationen bzw. Sonderausstellungen.

Szenarien für die Untere Gasse
Eine Idee erwies sich jedoch als besonders interessant und auch greifbar: die Untere Gasse. Das historische Gebäudeensemble der Unteren Gasse 7-9 beinhaltet das letzte verbliebene Zeugnis der historischen mittelalterlichen Stadtmauer mit Wehrgang. Genutzt als Abschluss der Scheune ist ein Teilstück frei zugänglich erhalten. Andere Teile sind integriert in benachbarte ältere Wohngebäude.
Die Grundstücke Untere Gasse 7-9 konnten 2019 erworben werden und damit zu einer größeren zusammenhängenden Fläche arrondiert werden. Diese Flächenreserve ist für städtische Nutzungen geeignet. Der Standort befindet sich gegenüber dem unteren Eingang in den Rathaus-Neubau und ist sichtbar aus Richtung Elbenplatz und Seebuckel. Es bietet sich dadurch die Chance, eine Sichtbeziehung aufzubauen und zum Besuch der Altstadt einzuladen.
Zu prüfen ist, ob und wie sich die historischen Gebäude für eine museale Nutzung und als Präsentationsplattform einer Ausstellungsdidaktik eignen. Alternativ kann ein Neubau bei Erhalt der historischen Stadtmauer, die unter Denkmalschutz steht, diese Aufgabe erfüllen.
Im Rahmen der Beratungenen konnten die Fördervereine ihre Sicht darstellen.

Anbei ein Auszug der Rede von Konrad Heydenreich, Vorsitzender der Museumsfreunde, vor dem Ausschuss

Unser Verein hat im Wert von ca. 40.000 € dem Museum Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Weiter sind 7.000 € beschlossen, die wir der Stadt für die fällige katalogmäßige Dokumentation der Kunstsammlung des DBKM als Zuschuss anbieten. Ferner haben wir eine bürgerschaftliche Initiative gestartet zur Einbeziehung unserer geschichtsträchtigen Region in die für 2025 geplante Große Landesausstellung „500 Jahre Bauernerhebung im Südwesten“. Das wurde in Herrenberg und Tübingen bereits gut aufgenommen.

Zur Entwicklung der Museumskonzeption: Es wird Sie nicht überraschen, dass der Verein für die Erhaltung des DBKM Böblingen eintritt. Das Bauernkriegsmuseum ist thematisch einzigartig, verfügt über ein weithin bekanntes Alleinstellungsmerkmal. Profil einer Stadt ist das, was man von außen sieht. Für mich als kulturellem Wahlböblinger ist das Deutsche Bauernkriegsmuseum prägend. Zudem wird es kompetent und mit aktuellem Ideengut geleitet.

Das Bauernkriegsmuseum hat unter den drei musealen Einrichtungen die höchste Besucherzahl. Mehr als 40% dieser Menschen kommen von außerhalb des Landkreises. Die knapp 60% aus Stadt und Kreis Böblingen wollen in diesem Museum, das sie wieder und wieder aufsuchen, neue Entdeckungen machen. Wir freuen uns, dass das jüngste Umfrageergebnis diesen Bedarf eindeutig unterstreicht.

Aus meiner Kenntnis der im Depot ruhenden Sammlung des Museums –  beste Hrdlicka, Grieshaber, Kollwitz und zeitgenössische Künstler – kann ich bekräftigen: Diese ruhende Sammlung gehört aufgeweckt! Da unterscheiden wir uns nicht von der Galerie. Beide Einrichtungen benötigen mehr Ausstellungsfläche. In der Unteren Gasse scheint dies endlich möglich.

Digitale Bürgerbeteiligung

Online-Präsentation vom 27. Juli bis 31. August 2020

Der Gemeinderat legte im Herbst 2019 fest, dass alle Szenarien – sowohl das Szenario aus dem Gutachten Knubben/Demirag als auch das von der Verwaltung entwickelte Szenario mit seinen Varianten – den Bürgerinnen und Bürgern im Frühjahr 2020 im Rahmen einer Bürgerbeteiligung vorgestellt werden sollen. Hierbei sollten Fragen gestellt und eine Diskussion bzw. ein Feedback angeregt werden. Die Szenarien sowie die Dokumentation der Bürgerbeteiligung sollten dann bis zum Sommer 2020 dem Gemeinderat als Grundlage für weitere Entscheidungen zugehen.
Insgesamt haben sich 346 Bürgerinnen und Bürger an der Umfrage beteiligt. Dies ist ein sehr erfreulicher Wert. Die ausführlich aufbereiteten Hintergrundinformationen auf der städtischen Homepage, die über die Beteiligung hinaus zur Verfügung stehen, dienen einer hohen Transparenz für die Bürgerschaft auch im weiteren Verfahren.
Aus der Bürgerbeteiligung ergibt sich insgesamt ein facettenreiches Bild mit unterschiedlichen Meinungen und Einschätzungen. Zusammenfassend kann aus dem Feedback der Bürgerbeteiligung auf den mehrheitlichen Wunsch geschlossen werden, dass

  • alle drei Museen erhalten werden sollten
  • eine Trennung von Städtischer Galerie und Bauernkriegsmuseum überfällig ist
  • die Untere Gasse im Hinblick auf die Weiterentwicklung und Neuaufstellung der Böblinger Museumslandschaft eine gewichtige Rolle spielen sollte
  • das StadtForum für die Böblinger Museumslandschaft eine Bereicherung darstellen würde.

Die Dokumentation der digitalen Bürgerbeteiligung finden Sie hier.

Museumskonferenz

Vorstellung des Gutachtens Knubben/Demirag im Juli 2019

Diskussion

D

Das Gutachten Knubben/Demirag wurde der Öffentlichkeit vorgestellt und stieß mit rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf eine große Resonanz.
Es wurden verschiedene Szenarien vorgestellt:

Das Gutachten Knubben/Demirag mit folgenden Eckpunkten

  • Aufhebung der gemeinsamen Nutzung der Zehntscheuer durch Städtische Galerie und Bauernkriegsmuseum
    Kernaussage: „Der für eine angemessene Präsentation und Vermittlung aus der Höhe der Konkurrenz erforderliche Platzbedarf kann in der Zehntscheuer nur für eine Einrichtung generiert werden.“
  • Fortführung und Entwicklung der Städtischen Galerie
    Kernaussage: „Die Städtische Galerie benötigt zu einer wirkungsvollen Aufgabenerfüllung und einem zeitgemäßen Auftritt jedoch deutlich mehr Raum und Entfaltungsmöglichkeiten (…) bei einer entsprechenden Neuaufstellung wäre angesichts ihrer thematischen Orientierung zu überlegen, sie in „Kunstmuseum Böblingen“ umzubenennen.
  • Aufgabe des Bauernkriegsmuseums in der Zehntscheuer und Überführung des Themas in ein neues Format
    Kernaussage: „Das Museum bedürfte nach 30 Jahren fast unveränderter Präsentation einer Runderneuerung. Die Möglichkeiten hierfür sind in der Zehntscheuer nicht mehr adäquat gegeben. Es wird daher vorgeschlagen, die gegenwärtige Ausstellung aufzugeben.“
  • Schaffung eines Forums für Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt Böblingen
    Kernaussage: „Um die Beschäftigung mit relevanten und reizvollen Themen der Böblinger Stadtgeschichte anzuregen und damit Verständnis für das ‚Geworden sein‘ wie zugleich auch für die prinzipielle Gestaltbarkeit des städtischen Lebens zu schaffen, wird empfohlen, ein Forum für Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt Böblingen zu schaffen.“

Speziell zum Vorschlag, das Bauernkriegsmuseum aufzugeben bzw. das Thema Bauernkrieg in ein anderes Format zu überführen, entwickelte sich auf der Museumskonferenz eine sehr lebhafte und kontroverse Debatte.

Anbei ein Auszug aus der Rede von Dr. Günter Scholz, ehemaliger Vorsitzender der Museumsfreunde, zum Gutachten Knubben/Demirag das die Auflösung des Bauernkriegsmuseum empfiehlt

Es wurde vom Gemeinderat einstimmig beschlossen und 1988 als erstes Museum zum Deutschen Bauernkrieg in der alten Bundesrepublik eröffnet. In der DDR gab es bereits mehrere „Gedenkstätten“. 1989 wurde  in Bad Frankenhausen/ Thüringen  das monumentale Panoramabild des Malers Werner Tübke eingeweiht. Das neue Böblinger Museum fand ein bundesweites, durchweg positives Echo. Das Bauernkriegsmuseum besteht jetzt seit über 30 Jahren. Das Jubiläum wurde 2018 festlich begangen.

Die Konzeption des Bauernkriegsmuseums wurde bis heute nur in Teilen verwirklicht, nicht dokumentiert werden z.B. die Nachwirkungen der Revolution von 1525. Das Museum ist stiefmütterlich und beengt im UG der Zehntscheuer untergebracht, ein typisches „Kellerkind“. Dabei steht es im Ranking der Beliebtheit in Böblingen an erster Stelle, wie die Bürgerbefragung von 2017 zeigt.
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Wie Fleischermuseum und Galerie ist auch das Bauernkriegsmuseum in die Jahre gekommen. Im Museumswesen hat sich manches verändert. So kann man sich heute lange Wandtexte durch Einsatz der neuen Medien ersparen. Im Unterschied zu damals haben Museen heute Event-Charakter, um Besucherinteresse zu wecken. Eine Runderneuerung des Bauernkriegsmuseum ist deshalb nötig.

Die Gutachter sehen nur Schwächen, aber keine Stärken des Bauernkriegsmuseums. Zu den Stärken zählen die Sonderausstellungen. Sie waren von Anfang an fester Teil der Museumskonzeption. In den besten Zeiten gab es 2-3 zusätzliche Ausstellungen im Jahr. Die Museumsmacher wussten, dass der Fundus an originalen Exponaten am Ort begrenzt ist. Sie wurden deshalb ergänzt durch hochwertige Leihgaben auf Zeit aus anderen international renommierten Museen z.B. in Prag, Brüssel, Wien der Schweiz und Frankreich.

Zu den Stärken des Museums gehört auch der Bestand an seltenen Frühdrucken. Einzigartig ist die Kunstsammlung zum Deutschen Bauernkrieg mit mehr als 250 Werken, von Käthe Kollwitz, HAP Grieshaber, Werner Tübke, Bernhard Heisig und Künstlern der Region, wie Gérard Krimmel. Das zeigt: Der Bauernkrieg ist Geschichte, die man nicht einfach in den Archiven ablegt, sondern die jede Generation aufs Neue zur Stellungnahme und Auseinander-setzung herausfordert.

Das Deutsche Bauernkriegsmuseum besitzt ein hohes Entwicklungspotential für die Zukunft. Die Museumsfreunde schlagen vor, das Museum thematisch zu erweitern und zu vertiefen: Vom Freiheitskampf 1525 ausgehend zu einem Museum der Geschichte von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Die Revolutionen von 1789, 1848 und 1918 waren Etappen auf dem langen Weg der Deutschen zu Recht und Freiheit, bis hin zum Grundgesetz von 1949. Besonders stark war der Freiheitskampf in den historischen Regionen von Baden-Württemberg.

Das Gutachten Knubben/Demirag

Mit der Erstellung eines Gutachtens im Rahmen der Museumskonzeption wurde im Dezember 2017 das Stuttgarter Büro Demirag in Verbindung mit Professor Dr. Thomas Knubben vom Institut für Kulturmanagement, Ludwigsburg, beauftragt.
Im April 2019 wurde das Gutachten Knubben/Demirag dem Gemeinderat vorgelegt.
Da feststand, dass der Gemeinderat nicht mehr in seiner bisherigen, sondern erst in seiner neuen Besetzung nach den Kommunalwahlen im Mai 2019 sich mit den Folgerungen aus dem Gutachten Knubben/Demirag beschäftigen und im weiteren Fortgang auch Entscheidungen herbeiführen würde, fand auf der Sitzung im April keine inhaltliche Debatte, sondern lediglich eine Kenntnisnahme statt.

Hier finden Sie das Gutachten Knubben/Demirag